Elterngeld gekürzt, kein Kita-Platz – wie Familienpolitik meinen Alltag trifft (Teil 1)

Ich habe in den letzten Wochen oft diesen Satz gehört: „Warum wollen junge Leute keine Kinder mehr?“ Ich werde euch sagen warum das die falsche Frage ist. Die richtige Frage lautet: Unter welchen Bedingungen ist es heutzutage möglich Kinder zu bekommen?

Ich bin Ingenieurin. Ich denke gerne in Systemen. Wenn ein System nicht die erwarteten Ergebnisse liefert, schaue ich nicht zuerst auf die Menschen die es nutzen – ich schaue auf das System selbst. Und das System Familienpolitik in Deutschland liefert gerade sehr eindeutige Ergebnisse: die niedrigste Geburtenrate seit Jahrzehnten.

Das trifft mich nicht abstrakt. Das trifft mich persönlich, konkret, täglich.

Was die Elterngeld-Kürzung 2025 für Familien wie meine bedeutet

Als ich schwanger wurde, habe ich – natürlich – eine Tabelle gemacht. Einnahmen, Ausgaben, Elterngeld-Berechnung, Masterstudium-Kosten. Ich wollte wissen ob das geht. Und die Zahlen haben es – knapp – hergegeben.

Was ich nicht einkalkuliert hatte: dass sich die Regeln ändern würden während ich mittendrin stecke. Dass die Bemessungsgrenze für das Elterngeld gesenkt wird – erst auf 200.000 Euro Haushaltseinkommen, dann weiter auf 175.000 Euro. Dass der gleichzeitige Bezug durch beide Elternteile eingeschränkt wird.

✦ Was sich beim Elterngeld geändert hat
  • 2007: Einführung des Elterngeldes – Lohnersatzleistung statt Pauschalbetrag. Historischer Fortschritt für erwerbstätige Frauen.
  • seit 2007: Keine nennenswerte Anpassung an Inflation oder gestiegene Lebenshaltungskosten. Das Elterngeld hat seitdem rund ein Drittel seiner Kaufkraft verloren.
  • 2024: Bemessungsgrenze gesenkt auf 200.000 Euro Haushaltseinkommen – beide Elternteile zusammengerechnet.
  • 2025: Weitere Absenkung auf 175.000 Euro. Gleichzeitiger Bezug durch beide Elternteile stark eingeschränkt.

Ich gehöre nicht zu den Menschen die man gemeinhin „reich“ nennt. Ich bin Ingenieurin in einem Ballungsraum mit hohen Fixkosten – hohe Miete, Lebenshaltung, Studiumskosten. Und trotzdem falle ich zunehmend in eine Kategorie die das System als „zu gut verdienend für Unterstützung“ einstuft – ohne dass sich daran etwas verändert hätte was mein tatsächliches Leben leichter macht.

Das tut weh. Nicht nur finanziell. Es tut weh weil es eine Botschaft sendet: Die Entscheidung die du getroffen hast – Kind, Karriere, Weiterbildung, Vereinbarkeit – diese Entscheidung unterstützen wir nicht mehr so wie wir es versprochen haben.

Kein Kita-Platz – wie fehlende Kinderbetreuung Vereinbarkeit unmöglich macht

Mein Sohn ist 14 Monate alt und hat keinen Kita-Platz. Das ist kein Randphänomen – das ist die Realität von Hunderttausenden Familien in Deutschland. Der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem ersten Lebensjahr existiert seit 2013. Was nicht existiert: ausreichend Plätze, ausreichend Personal, ausreichend Verlässlichkeit.

Was das für meinen Alltag bedeutet habe ich in diesem Blog schon beschrieben: Lernen nur wenn mein Mann zuhause ist. Abends. Am Wochenende. Jede Studierstunde kostet Familienzeit. Der Preis der Vereinbarkeit wird nicht vom System bezahlt – er wird von uns bezahlt. Von meinem Mann. Von unserer Ehe. Von mir.

✦ Was der Kita-Mangel konkret bedeutet Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist kein Wert der man einfach beschließt. Er braucht Infrastruktur. Verlässliche, qualitativ gute, zugängliche Betreuung ist keine Kür – sie ist die Voraussetzung dafür, dass Frauen überhaupt die Wahl haben. Ohne sie ist Vereinbarkeit kein Angebot. Es ist ein Witz.

Ich mache meinen Master in der Elternzeit weil ich weiß dass ich ohne ihn benachteiligt zurückkomme. Aber ich mache ihn unter Bedingungen die das System nicht vorgesehen hat – ohne Betreuung, ohne Struktur, auf Kosten von Schlaf, Partnerschaft und manchmal meiner eigenen Gesundheit. Das ist kein Einzelfall. Das ist Alltag für viele Frauen in Deutschland.

Was Frauen heute wirklich brauchen um sich für Kinder zu entscheiden

Die Frage „Warum wollen junge Frauen keine Kinder mehr?“ geht am Kern vorbei. Die meisten Frauen die ich kenne wollen Kinder – oder haben sie bereits. Was sie nicht wollen ist, dafür ihre Karriere zu opfern. Ihre finanzielle Unabhängigkeit. Ihre Identität.

Was sie brauchen ist nicht eine moralische Debatte darüber warum die Geburtenrate sinkt. Was sie brauchen sind konkrete, verlässliche Rahmenbedingungen: Ein Elterngeld das mit der wirtschaftlichen Realität Schritt hält. Betreuungsplätze die wirklich verfügbar sind. Die Gewissheit dass eine Elternzeit keine Karrierelücke bedeutet die man jahrelang erklären muss.

„Frauen wollen Kinder. Was sie nicht wollen ist, dafür ihre Karriere, ihre Unabhängigkeit und ihre Identität zu opfern. Das ist kein Anspruchsdenken – das ist 2026."

Was sich ändern müsste – aus Sicht einer Mama die mittendrin steckt

Ich bin keine Politikerin. Ich werde hier kein Wahlprogramm schreiben. Aber ich bin jemand der die Auswirkungen von Familienpolitik täglich spürt – und der als Ingenieurin gelernt hat: Wenn ein System nicht funktioniert, liegt das selten an den Menschen die es nutzen.

Was ich mir wünsche – nicht als abstraktes Ideal, sondern als konkreten Alltag – ist simpel: Dass Elterngeld die Kaufkraft hält die es 2007 hatte. Dass ein Kita-Platz kein Glücksfall ist sondern eine Selbstverständlichkeit. Dass Elternzeit nicht als Pause gilt sondern als das was sie ist: harte Arbeit an der Gesellschaft von morgen.

Und dass niemand mehr fragen muss: „Warum wollen junge Frauen keine Kinder?“ – weil die Antwort dann so offensichtlich wäre dass sich die Frage von selbst erübrigt.

Im zweiten Teil dieser Serie schaue ich mir an was politisch passiert ist – warum die Geburtenrate in den 2010ern kurz stieg, was dann schiefging und was der Jojo-Effekt der Familienpolitik mit uns allen zu tun hat.

Kennst du das - das Gefühl zwischen zwei Stühlen zu sitzen? Schreib mir gerne!

Deine Anna

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