Studieren in der Elternzeit: So habe ich meinen Master mit Baby organisiert

Warum ich mich für einen Master in der Elternzeit entschieden habe

Wenn ich erzähle, dass ich in der Elternzeit meinen Master mache, reagieren die meisten mit einem bewundernden „Wow, wie schaffst du das?“ Ich lächle dann. Und denke: Wenn ihr wüsstet. 

Ich will ehrlich sein. Nicht die Version erzählen, die gut klingt. Sondern die, die aus meiner Sicht wahr ist. Denn ich glaube, das brauchen wir alle – nicht noch einen Beitrag darüber, wie man die Elternzeit „optimal nutzt“, sondern einer darüber, was es wirklich bedeutet, wenn man es tut. 

Also: wie sieht ein Master in der Elternzeit wirklich aus? Hier ist meine Antwort. 

Die Entscheidung war keine Romantische. Es war keine Vision von Selbstverwirklichung, kein innerer Ruf nach mehr Wissen. Es was eine rationale Abwägung. 

Ich kenne die Zahlen. Ich weiß was eine Lücke im Lebenslauf bedeutet – besonders als Frau in einem technischen Berufsfeld, indem man ohnehin schon mehr erklären muss als so mancher männlicher Kollege. Ich weiß, wie schnell man den Anschluss verliert, wenn man anderthalb Jahre einfach weg ist. Und ich weiß, dass „ich war Zuhause mit meinem Kind“ in manchen Köpfen immer noch eine andere Bedeutung hat, als es sollte. 

“ Es war keine romantische Entscheidung. Es war eine Schutzmaßnahme. Ich wollte zurückkommen – und nicht von vorne anfangen müssen.“

Also habe ich mich eingeschrieben. Berufsbegleitend, flexibel, mit dem vagen Plan: wenn mein Kind schläft, lerne ich. So einfach. So naiv. 

Die größten Herausforderungen beim Studieren mit Baby

Mein Kind schläft mittags ungefähr eine Stunde. Manchmal auch nur zwanzig Minuten. Manchmal auch gar nicht. Oder auch nur in der Trage. Abends schläft er zwischen 19 und 20 Uhr ein – wenn es gut läuft. Dann habe ich theoretisch einen Abend. 

In der Theorie klingt das nach viel Zeit. In der Praxis ist da noch der Haushalt, der nicht von allein läuft. Das Abendessen. Die Wäsche. Und dann – ja, dann ist da noch mein Ich. Anna. Eine Person, die seit 6 Uhr morgens funktioniert, die meistens Nachts mehrmals wach war und deren Akku irgendwo bei 12 Prozent liegt. 

Ein echter Tag – ungefiltert: 

  • 6:15 Uhr nach einer kurzen Nacht mit Zahnungsgel und Tragen aufgewacht durch kleine Füße in meinem Gesicht
  • Plan für den Vormittag: Kind beschäftigen und vielleicht ein bisschen zusammen lesen, während der Haushalt wartet, das Mittagessen gekocht werden will und für Uni so gar kein Platz ist 
  • 12:30 Uhr: Mittagsschlaf beginnt – Laptop auf, Artikel aufgemacht
  • 12:47 Uhr: mein Kind wacht auf. 17 Minuten Studium. Solange brauche ich fast um mich an mein Passwort zu erinnern und einzuloggen, die Textstelle zu finden bei der ich zuletzt war und mich daran zu erinnern um was es eigentlich ging
  • nach einem Besuch auf dem Spielplatz und einem gemeinsamen Abendessen zu dritt schläft mein Kind um 19:30 Uhr ein. Ich setze mich an den Laptop. 
  • 19:45 Uhr: Ich merke, dass ich keinen klaren Gedanken fassen kann.
  • 20:30 Uhr: Ich habe eine Seite gelesen. Zweimal. Ich kann mich nicht mehr erinnern um was es im Detail ging. 
  • Um 22:00 Uhr kommt mein Mann ins Zimmer. Ich klappe den Laptop zu. Schuldgefühle in beide Richtungen. 

Leider ist das keine Ausnahme. Das ist Dienstag. 

So organisiere ich Studium, Baby und Alltag

Was in keinem Studienplan steht: Lernen braucht Konzentration. Und Konzentration braucht eine Art innere Stille, die mit einem 14 Monate alten Kind zuhause kaum möglich ist. Nicht weil das Kind so schwierig ist. Sondern weil ein Teil meines Gehirns ständig auf Empfang ist. Hört er was? Ist er aufgewacht? War das ein Weinen? 

Mütter kennen das. Dieses permanente Hintergrundprogramm, das nie ganz ausgeht. Für das Studium brauche ich aber Vordergrundkapazität – und die muss ich mir mit Gewalt freischaufeln, in Momenten, in denen ich eigentlich schon leer bin. 

Und dann ist da noch mein Mann.

Ohne ihn wäre das alles nicht möglich. Das sage ich ohne jeden Vorbehalt. Er übernimmt am Wochenende, er deckt mich am Abend, er fragt nicht nach, wenn ich sage: Ich muss heute lernen. Er ist außerordentlich. 

Und trotzdem – oder vielleicht genau deswegen – ist da dieses Gefühl. Dass jede Stunde, die ich am Laptop sitze, eine Stunde ist, die ich ihm schulde. Dass ich seine Freizeit verbrauche für meinen Ehrgeiz. Dass wir uns gerade gegenseitig managen, anstatt einfach zusammen zu sein. Das ist der Preis, über den niemand spricht, wenn jemand sagt: „Wow, wie schaffst du das alles“. 

Und gleichzeitig weiß ich natürlich auch, solange er im Büro ist, wird nicht hinterfragt wer für Haushalt und Care Arbeit zuständig ist. Niemand erwartet von ihm, zu seinen Arbeitszeiten verfügbar zu sein. Seine Freizeit ist nach der Arbeit. Meine Lernzeit startet nach der Care Arbeit. Meine Freizeit ist meine Lernzeit. 

Was mir wirklich hilft

Feste Lernblöcke anstatt „wann immer sich eine Lücke auftut“ – das klingt paradox für jemanden ohne festen Tagesablauf, aber geplante Zeiten schützen auch die Zeit mit meinem Mann. Außerdem: Lernziele pro Einheit statt Zeitvorgaben. Nicht „eine Stunde lernen“, sondern „dieses Kapitel verstehen“. Das gibt mir das Gefühl, fertig zu sein- auch wenn es nur zwanzig Minuten sind. 

Was es mir trotzdem gibt

Ich will mich nicht beschweren. Wirklich nicht. Denn es gibt etwas, das ich in all dem Chaos nicht erwartet hatte: Das Studium hält einen Teil von mir wach, der sonst vielleicht geschlafen hätte. Der Teil der denkt. Der analysiert. Der Fragen stellt, die größer sind als „was gibt es heute zu essen“ und „wann ist der nächste Impftermin“. Wenn ich lese, wenn ich schreibe, wenn ich eine Argumentation durchdenke – dann bin ich kurz nicht nur Mama. Dann bin ich auch noch jemand, der Dinge lernt und wächst und sich entwickelt. 

Das klingt vielleicht selbstverständlich. Ist es aber nicht. Ich weiß von Frauen, die nach der Elternzeit das Gefühl hatten, sie hätten sich selbst irgendwo verloren. Ich will das nicht. Das Studium ist mein Anker in diese andere Version von mir. 

Würde ich es wieder tun? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Frag mich in einem Jahr nochmal, wenn ich weiß, ob es sich ausgezahlt hat – beruflich und persönlich. 

Was ich weiß: Ich mache es. Nicht weil es einfach ist. Nicht weil ich superwoman bin. Sondern weil ich beschlossen habe, dass ich in 1,5 Jahren zurückkomme – und zwar als jemand, der nicht von vorne anfangen muss. 

Und – nebenbei bemerkt – selbst wenn ich mich jetzt anders entscheiden würde, ist es dafür nun zu spät. 

Meine wichtigsten Tipps für Eltern, die studieren möchten

1. Perfektionismus loslassen

Du musst nicht jeden Tag produktiv sein. Es wird Tage geben, an denen dein Baby deine volle Aufmerksamkeit braucht – und das ist völlig in Ordnung. Ein Studium ist ein Marathon und kein Sprint.

2. Kleine Lernzeiten nutzen

Ich habe festgestellt, dass auch 20–30 Minuten konzentriertes Lernen einen Unterschied machen können. Nutze den Mittagsschlaf, ruhige Spielphasen oder den Abend, anstatt auf den „perfekten“ Zeitpunkt zu warten.

3. Realistische Ziele setzen

Plane lieber kleine, erreichbare Etappen als riesige To-do-Listen. Jeder gelernte Abschnitt bringt dich deinem Abschluss näher.

4. Einen Wochenplan erstellen

Plane deine Lernzeiten bewusst in deinen Familienalltag ein. Ein einfacher Wochenplan hilft dabei, den Überblick zu behalten und Stress zu reduzieren.

5. Unterstützung annehmen

Ob Partner, Familie oder Freunde – niemand muss alles allein schaffen. Unterstützung anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern kann dir wertvolle Zeit und Energie schenken.

6. Flexibel bleiben

Mit Kind läuft nicht immer alles nach Plan. Wenn ein Lerntag ausfällt, bedeutet das nicht, dass dein Studium scheitert. Passe deinen Plan an, statt dich darüber zu ärgern.

7. Pausen einplanen

Ausreichend Schlaf und kleine Erholungsphasen sind genauso wichtig wie das Lernen. Nur wer auf sich selbst achtet, kann langfristig motiviert bleiben.

8. Den eigenen Weg finden

Jede Familie ist anders. Vergleiche dich nicht mit anderen Studierenden oder Eltern. Finde eine Lernroutine, die zu deinem Alltag und zu deinem Kind passt.

9. Erfolge bewusst feiern

Eine bestandene Prüfung, ein abgegebenes Modul oder ein gelerntes Kapitel sind echte Meilensteine. Nimm dir Zeit, diese Erfolge wahrzunehmen – sie zeigen dir, wie weit du bereits gekommen bist.

10. Den Grund nicht vergessen

Gerade an anstrengenden Tagen hilft es, sich daran zu erinnern, warum du das Studium begonnen hast. Dieses Ziel vor Augen zu haben, kann neue Motivation geben und durch schwierige Phasen tragen.

Mein persönlicher Rat:

Ein Studium mit Baby ist nicht immer einfach – aber es ist möglich. Es wird Tage geben, an denen alles perfekt läuft, und andere, an denen du kaum zum Lernen kommst. Lass dich davon nicht entmutigen. Mit Geduld, einer guten Organisation und realistischen Erwartungen kannst du Schritt für Schritt dein Ziel erreichen. Jeder kleine Fortschritt zählt – und genau darauf darfst du stolz sein.

Falls du dich darin selbst wiedererkennst - schreib mir gerne. Ich bin gespannt, wie es dir gegangen ist. 

Deine Anna

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