Die Geburtenrate in Deutschland – der familienpolitische Jojo-Effekt (Teil 2)

Die Ingenieurin in mir will Ursachen verstehen bevor sie Lösungen vorschlägt. Warum sinkt die Geburtenrate? Warum hat sie kurz gestoppt zu sinken? Und warum sinkt sie jetzt wieder? Die Antwort ist ein Jojo-Effekt – und er ist vollständig hausgemacht.

Stellen wir uns kurz vor Familienpolitik wäre ein Ingenieursprojekt. Das Ziel: eine Gesellschaft in der sich Menschen – und besonders Frauen – frei entscheiden können ob, wann und wie viele Kinder sie bekommen. Ohne dafür ihre Karriere, ihre Unabhängigkeit oder ihre Identität aufzugeben.

Wie würde die Fehleranalyse des deutschen Projekts aussehen? Ich mache sie jetzt.

Warum die Geburtenrate in Deutschland sinkt – eine Systemanalyse

Deutschland hat historisch eine der niedrigsten Geburtenraten in Europa. Das ist kein Naturgesetz – es ist das Ergebnis jahrzehntelanger Politik die Kinder als Privatsache behandelt hat, nicht als gesellschaftliche Aufgabe.

Der entscheidende Wendepunkt kam Mitte der 2000er Jahre: Zum ersten Mal wurde Familienpolitik als Gleichstellungspolitik gedacht. Die Erkenntnis dahinter war einfach und revolutionär zugleich: Frauen bekommen mehr Kinder wenn sie nicht zwischen Familie und Karriere wählen müssen.

„Frauen bekommen mehr Kinder wenn sie nicht zwischen Familie und Karriere wählen müssen. Das ist keine Theorie – das hat die Statistik in den 2010er Jahren bewiesen.“

Was die Familienpolitik der 2000er Jahre richtig gemacht hat

2007 – Einführung des einkommensabhängigen Elterngeldes

Statt einer niedrigen Pauschale bekamen Frauen eine Lohnersatzleistung orientiert an ihrem Einkommen. Arbeiten und Kinder bekommen wurden erstmals zusammen gedacht. Die Partnermonate signalisierten: Kinder sind keine reine Frauenaufgabe.

↑ Erste positive Wirkung auf Geburtenentscheidungen

2013 – Rechtsanspruch auf Kita-Platz ab dem ersten Lebensjahr

Das Versprechen: Vereinbarkeit soll nicht nur theoretisch, sondern im Alltag möglich sein. Bund, Länder und Kommunen investieren in Krippenplätze. Betreuung wird erstmals als staatliche Aufgabe definiert.

↑ Geburtenrate steigt von 1,39 auf 1,60 Kinder pro Frau

ab 2015 – Stagnation statt Weiterentwicklung

Die Reformen werden nicht weitergeführt. Das Elterngeld verliert durch Inflation jedes Jahr Kaufkraft. Der Kita-Ausbau hält nicht Schritt. Der Fachkräftemangel macht vorhandene Plätze unzuverlässig.

↓ Geburtenrate beginnt wieder zu sinken

2024/25 – Aktive Rückschritte beim Elterngeld

Bemessungsgrenze gesenkt auf 175.000 Euro. Gleichzeitiger Bezug eingeschränkt. Das Elterngeld verliert seine Wirkung als Gleichstellungsinstrument – ausgerechnet für die arbeitende Mitte.

↓ Historischer Tiefstand der Geburtenrate

Der Jojo-Effekt der deutschen Familienpolitik – erklärt

Ein Jojo-Effekt entsteht wenn man eine Veränderung einleitet, erste Ergebnisse sieht – und dann in alte Muster zurückfällt. In der Ernährung kennt das jeder: Die Diät funktioniert, die ersten Kilos fallen, dann fällt man zurück und nimmt alles wieder zu.

In der deutschen Familienpolitik sieht das so aus: Die Reformen von 2007 und 2013 haben gewirkt. Die Geburtenrate ist tatsächlich gestiegen – von 1,39 auf 1,60 Kinder pro Frau. Das ist kein Zufall. Das ist das direkte Ergebnis von Politik die Vereinbarkeit ernst genommen hat.

Was dann passiert ist, ist der klassische Jojo: Die Reformen wurden nicht weitergeführt. Das Elterngeld wurde nicht an die Realität angepasst. Der Kita-Ausbau blieb hinter dem Bedarf zurück. Und seit 2024 werden sogar aktive Rückschritte gemacht.

✦ Was damals funktioniert hat

  • Einkommensabhängiges Elterngeld
  • Partnermonate signalisierten Gleichstellung
  • Kita-Ausbau als staatliche Aufgabe
  • Rechtsanspruch auf Betreuungsplatz
  • Vereinbarkeit als politisches Ziel

✗ Was seitdem schiefging

  • Keine Kaufkraftanpassung des Elterngeldes
  • Keine Kaufkraftanpassung des Elterngeldes
  • Bemessungsgrenze gesenkt 2024/2025
  • Kita-Ausbau ohne ausreichend Personal
  • Rechtsanspruch ohne Realität
  • Vereinbarkeit bleibt Wunschdenken

Was die Geburtenrate in Deutschland wirklich steigern würde

Die Antwort liegt eigentlich auf der Hand – weil wir sie schon einmal gesehen haben. Es ist kein Geheimnis. Es ist nicht kompliziert. Es braucht nur politischen Willen und finanzielle Prioritäten:

✦ Was nachweislich wirkt
Ein Elterngeld das mit der Kaufkraft Schritt hält. Betreuungsplätze die wirklich verfügbar, verlässlich und qualitativ gut sind. Partnermonate die partnerschaftliche Aufteilung wirklich ermöglichen. Die Gewissheit dass Elternzeit keine Karrierelücke ist. Und: die gesellschaftliche Anerkennung dass Kinder nicht Privatsache sondern gesellschaftliche Zukunftsinvestition sind

Das ist kein utopisches Programm. Das sind die Schlussfolgerungen aus dem was in den 2010ern funktioniert hat. Wir haben das Experiment schon durchgeführt. Wir haben die Ergebnisse. Wir haben sie dann ignoriert.

Was die sinkende Geburtenrate wirklich bedeutet – und was nicht

Die sinkende Geburtenrate bedeutet nicht dass junge Menschen keine Kinder wollen. Sie bedeutet dass die Bedingungen unter denen sie Kinder bekommen sollen nicht stimmen. Das ist ein wichtiger Unterschied – weil er die Verantwortung dorthin verschiebt wo sie hingehört: ins System, nicht zu den Menschen.

Mit dieser Generation stimmt ziemlich viel. Mit den Bedingungen stimmt zu wenig.

Ich bin das beste Beispiel dafür: Ich habe ein Kind. Ich liebe es. Ich würde es wieder tun. Aber ich mache meinen Master in der Elternzeit weil ich weiß dass ich ohne ihn benachteiligt zurückkomme. Ich habe keinen Kita-Platz weil das System den Rechtsanspruch nicht mit Realität füllt. Ich falle aus dem Elterngeld-System heraus obwohl ich zur arbeitenden Mitte gehöre.

„Ich bin das beste Beispiel: Ich wollte ein Kind. Ich habe es. Und trotzdem kämpfe ich täglich gegen Strukturen die nicht für mich gemacht wurden. Stellt euch vor wie es Frauen geht die noch weniger Ressourcen haben."

Stellt euch vor wie es Frauen geht die weniger verdienen, weniger Netzwerk haben, weniger Rückhalt. Die sinkende Geburtenrate ist kein Kulturproblem. Sie ist ein Politikversagen. Und er ist messbar, analysierbar und lösbar.

Ich bin Ingenieurin. Wenn ein System nicht funktioniert, liegt das selten an den Nutzern. Es liegt am Design. Das Design der deutschen Familienpolitik hatte einen kurzen Moment der Brillanz – und wurde dann nicht zu Ende gedacht.

Es wäre Zeit, das zu ändern. Für mich und für alle die nach mir kommen. 

Was denkst du – wie hast du das erlebt? 

Deine Anna

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