Es gab eine Woche im Februar, in der ich morgens aufgewacht bin und einfach liegen geblieben. Nicht weil ich nicht wollte. Sondern weil ich nicht mehr wusste wie ich das alles gleichzeitig schaffen soll. Kind. Masterarbeit. Haushalt. Ehe. Ich selbst. Das war der Moment in dem ich verstanden habe: So geht es nicht weiter.
Mama sein und gleichzeitig studieren – das klingt von außen nach einer mutigen Entscheidung. Von innen fühlt es sich manchmal an wie ein Projekt das man sich selbst aufgezwungen hat und aus dem man nicht mehr rauskommt. Ich habe mich für den Master entschieden weil ich keine Karrierelücke wollte. Was ich nicht einkalkuliert hatte: was es bedeutet, wenn der Körper erschöpft ist, das Kind nicht schläft, die Deadline näher rückt und die Ehe gerade auch Aufmerksamkeit braucht.
Heute schreibe ich nicht um euch zu sagen wie man das alles perfekt managt. Ich schreibe weil ich glaube dass viele Frauen in derselben Situation sind – und weil ich mir gewünscht hätte, dass jemand früher ehrlich mit mir gewesen wäre.
Wann Überforderung als Mama im Studium zum Problem wird
Überforderung ist nicht dasselbe wie Stress. Stress ist akut – er hat einen Auslöser, er geht vorbei. Überforderung ist das Gegenteil von Pause. Sie ist der Dauerzustand in dem man funktioniert, aber nicht mehr wirklich lebt. In dem man Aufgaben abhakt aber den Sinn dahinter nicht mehr spürt. In dem man abends auf dem Sofa sitzt und einfach nur leer ist.
Bei mir hat sich die Überforderung schleichend eingeschlichen. Zuerst waren es die Nächte – später einschlafen, früher aufwachen, Gedanken die nicht aufhören. Dann das Essen – ich habe vergessen zu essen bis mein Körper mit Schwindel erinnert hat. Dann die Geduld – mit meinem Sohn, mit meinem Mann, mit mir selbst.
„Überforderung zeigt sich nicht immer als Zusammenbruch. Manchmal zeigt sie sich als Taubheit. Als das Gefühl, einfach weiterzufunktionieren ohne wirklich da zu sein.“
Das war der Moment in dem ich aufgehört habe zu warten dass es von alleine besser wird – und angefangen habe aktiv etwas zu ändern.
Warum Mütter im Studium besonders oft überfordert sind
Es gibt strukturelle Gründe warum Studium und Elternzeit eine besonders explosive Kombination sind – und es hilft, sie zu benennen. Nicht um sich damit zu entschuldigen, sondern um zu verstehen warum es so schwer ist. Und damit aufzuhören, sich dafür zu schämen.
Erstens: Es gibt keine festen Arbeitszeiten. Studium ist flexibel – was theoretisch gut klingt, aber in der Praxis bedeutet: Es gibt keinen Feierabend. Immer könnte man noch ein Kapitel lesen, noch eine Seite schreiben, noch eine Quelle prüfen. Die Grenze zwischen Lernzeit und Freizeit verschwimmt komplett.
Zweitens: Man ist offiziell nicht berufstätig. Das bedeutet: Nach außen macht man „nichts“. Keine Kollegen, kein Büro, keine sichtbare Struktur. Die unsichtbare Arbeit – das Studium, die Kinderbetreuung, der Haushalt – wird nicht anerkannt weil sie niemand sieht.
Drittens: Man hat keine Kita-Auszeit. Mein Sohn geht nicht in die Kita. Das bedeutet Lernzeit nur dann wenn mein Mann übernimmt – abends, am Wochenende. Jede Stunde Studium kostet Familienzeit. Das ist ein realer Preis den man täglich zahlt.
Es ist nicht Schwäche wenn man als Mama im Studium überfordert ist. Es ist die logische Folge von zu vielen gleichzeitigen Anforderungen ohne ausreichend Ressourcen. Wer das versteht, kann aufhören sich zu schämen – und anfangen Lösungen zu suchen.
7 Dinge die mir bei Überforderung als Mama im Studium wirklich geholfen haben
Was ich jetzt teile sind keine Ratgeber-Tipps die ich irgendwo gelesen habe. Es sind Dinge die ich ausprobiert, verworfen, angepasst und schließlich beibehalten habe – weil sie bei mir funktioniert haben. Nicht perfekt. Aber spürbar.
- Lernziele statt Lernzeiten. Nicht „eine Stunde lernen“ – sondern „dieses Kapitel verstehen“. Das gibt dem Tag Struktur ohne ihn zu tyrannisieren. Wenn das Ziel erreicht ist, darf man aufhören. Auch wenn es erst dreißig Minuten waren.
- Die Überforderung laut benennen. Nicht als Klage – sondern als Information. Zu meinem Mann, zu mir selbst: „Ich bin gerade überwältigt. Ich brauche heute Abend keine weitere Aufgabe.“ Das klingt einfach. Es ist es nicht. Aber es verändert alles.
- Feste Lernblöcke statt spontaner Lücken. Wenn ich nur lerne wenn zufällig eine Lücke entsteht, entsteht keine Lücke. Ich habe mit meinem Mann konkrete Zeiten vereinbart – Dienstag und Donnerstag Abend, Samstag Vormittag. Diese Zeiten sind geschützt.
- Aufhören, alles gleichzeitig erledigen zu wollen. Ich kann nicht gleichzeitig voll präsente Mama sein, konzentriert studieren und eine gute Ehefrau sein. Ich kann zwischen diesen Rollen wechseln – aber nicht alle drei gleichzeitig ausfüllen. Das zu akzeptieren hat enorm geholfen.
- Körperliche Grundversorgung ernst nehmen. Schlafen wenn möglich. Trinken bevor man Kopfschmerzen bekommt. Einmal täglich frische Luft. Das klingt banal – ist es nicht wenn man vergisst es zu tun.
- Bewusste Pausen einplanen – nicht als Belohnung, sondern als Strategie. Erschöpfte Gehirne lernen nicht. Pausen sind kein Zeitverlust sondern eine Investition in die nächste Lerneinheit.
- Aufhören den eigenen Fortschritt mit anderen zu vergleichen. Kommilitonen ohne Kind schreiben schneller. Das ist keine Überraschung. Das ist Mathematik. Mein Fortschritt muss nicht mit ihrem verglichen werden – er muss nur mit meinen eigenen Möglichkeiten verglichen werden.
Was Mamas im Studium wirklich brauchen – und selten bekommen
Es gibt etwas das ich mir in den schwersten Wochen gewünscht hätte – und das keine der obigen Strategien ersetzen kann: Anerkennung. Nicht als Lob. Nicht als Applaus. Einfach die stille Bestätigung von jemandem der sagt: Was du gerade machst ist schwer. Nicht unmöglich – aber schwer. Und du machst es trotzdem.
Diese Bestätigung kommt selten von außen. Die meisten Menschen sehen die Elternzeit und denken an Pause. Sie sehen das Studium und denken an Privilegien. Was sie nicht sehen ist das Dazwischen – die Nächte, die Kompromisse, die erschöpften Abende, die Zweifel.
„Niemand hat mir gesagt: Das was du gerade machst ist außergewöhnlich. Also sage ich es mir selbst. Und jetzt sage ich es dir."
„Niemand hat mir gesagt: Das was du gerade machst ist außergewöhnlich. Also sage ich es mir selbst. Und jetzt sage ich es dir."
Was du gerade machst – Kind, Studium, Ehe, Leben – ist außergewöhnlich. Nicht weil es perfekt läuft. Sondern weil du es trotzdem versuchst. Jeden Tag neu.
Wann man bei Überforderung als Mama Hilfe suchen sollte
Es gibt einen Unterschied zwischen Überforderung die man durch Strategien managen kann – und Überforderung die professionelle Unterstützung braucht. Das ist mir wichtig zu sagen, weil ich diesen Unterschied selbst nicht immer klar erkenne.
Wenn die Erschöpfung so groß ist dass man morgens nicht mehr aufstehen kann. Wenn Freude komplett ausbleibt. Wenn man das Gefühl hat, dem Kind gegenüber nicht mehr die Mutter sein zu können die man sein möchte – dann ist das ein Signal das man ernst nehmen sollte. Nicht als Versagen. Als Information.
Ich habe in einer solchen Phase das Gespräch mit meiner Ärztin gesucht. Nicht weil ich dachte es wäre schlimm. Sondern weil ich gemerkt habe: Alleine komme ich gerade nicht weiter. Das war eine der klügsten Entscheidungen die ich getroffen habe.
Die Woche im Februar hat sich gelegt. Nicht weil sich äußerlich viel verändert hat – das Studium läuft noch, das Kind schläft immer noch schlecht, die Tage sind immer noch voll. Aber ich bin anders damit umgegangen. Bewusster. Ehrlicher. Mit mehr Erlaubnis für mich selbst.
Wenn du gerade in dieser Überforderung steckst – ich sehe dich. Das hier ist schwer. Und du machst es trotzdem.
